Kirche

Seltsam eingezwängt zwischen Wohnhäusern, Scheunen und Schuppen, scheint sie sich zu verstecken. Auf einem schmalen Pfad zwischen malerischen Gärtchen gelangen wir zum kleinen Gotteshaus von Schönbach. Unser Blick schweift über die mit Schiefer verkleideten Außenwände, auf der Suche nach etwas, woran sich das Auge festhalten kann. Doch da ist nichts. Merkwürdig verschlossen wirkt diese Kirche. Auf jeder Seite sind je zwei winzige nebeneinander liegende Fenster angebracht. Hoch oben, unmittelbar unter der Dachtraufe. Am auffallendsten: das steile Satteldach mit einfachem, mittigem Dachreiter, das vorragende Dachgeschoss. Diese archaische Kirche gibt uns Rätsel auf. Doch schauen wir zunächst einmal auf die Epoche, aus der dieses Gotteshaus stammt. Seine Bauzeit wird auf den Beginn des 17. Jahrhunderts datiert. Es hat also den 30jährigen Krieg überdauert und ist schon deshalb eine Rarität. Aus dieser Zeit sind nur wenige Fachwerkkirchen auf uns gekommen, z. B. die Kapellen in Wagenfurth (vor 1500) oder Rüchenbach (2. Hälfte des 16. Jhdt.). Die hessischen Fachwerkkirchen vom 16. Jahrhundert bis in die zweite Hälfte des 17. Jahrhunderts waren schlicht gehalten, hatten einen Rechteckgrundriss und sehr steile Proportionen. Unter den hohen Satteldächern verbarg sich über dem Sakralraum oft ein Fruchtspeicher als Lagerraum, diese Kirchen wurden also geistlich und profan genutzt. In manchen Fällen lagerte hier der „Zehnte“, der an adelige Herrschaften zu entrichten war. Die dörfliche Überlieferung in Schönbach weiß noch etwas davon, dass die Kirche früher auch „Zehntscheune“ war. Obwohl es keine Wehrmauer um den Kirchhof gab, lassen die kleinen Fenster doch auch an einen Wehrspeicher denken. Von außen wird das Dachgeschoss nur über Leitern zugänglich gewesen sein. Durchaus denkbar, dass die Dorfbewohner während des 30jährigen Krieges in ihrer Kirche Schutz gefunden haben, als das Ohmtal mit den befestigten Städten Kirchhain und Amöneburg jahrelang umkämpft war, als gebrandschatzt und geplündert wurde. Im Jahre 1635 ist auf dem Kirchhof ein Gaden bezeugt, ein kleiner Vorratsbau, wie sie im Mittelalter oft auf Kirchhöfen vorkamen. Dass auch das Dachgeschoss der Kirche als Fruchtspeicher diente, vielleicht auch für die Lagerung des Zehnten, erscheint wahrscheinlich – auch wenn es keine schriftlichen Quellen gibt -, wenn man die Geschichte Schönbachs betrachtet. Von seiner Entstehung bis ins 19. Jahrhundert war die Geschichte des Dörfchens geprägt von der Abhängigkeit von geistlichen und weltlichen Herrschaften.

Schon 1248, als Schönbach in der Mainzer Heberolle (einer Aufzeichnung der Verwaltung) erstmals erwähnt wird, hatte der Erzbischof von Mainz beträchtlichen Besitz in Schönbach, später an verschiedene Adelsfamilien verpachtet oder als Lehn vergeben. Ebenfalls seit dem 13. Jahrhundert hatte der Deutsche Orden durch Kauf und Schenkung Ländereien in Schönbach. Im Jahre 1663 besaß der Orden zwei Höfe im „Deutschordensdorf“. Seit 1519 teilten sich die Herren von Radenhausen (vom Gut Radenhausen bei Amöneburg) mit dem Deutschen Orden die Ortsobrigkeit in Schönbach, Groß- und Kleinseelheim. Gemeinsam übten sie die hohe und niedere Gerichtsbarkeit im Gericht Seelheim aus (siehe Großseelheim). Dazu gehörte Schönbach seit 1355. Auch der Landgraf war Herr über Schönbach, seit das Gericht Seelheim 1577 unter landgräflicher Landeshoheit stand. Endgültig gefestigt war die landgräfliche Herrschaft in Schönbach ab 1766, als der letzte Spross der von Radenhausen seinen Gerichtsanteil für 66 000 Gulden an Hessen abtrat. Schwindelerregend erscheint uns heute die Fülle der Abgaben und Frondienste (Frondienst bedeutet „Herrendienst“) jenen Zeiten: die großen und kleinen Fruchtzehnte für den Deutschen Orden, der Udendorfer Zehnte für die Herren von Radenhausen, Abgaben für den Pfarrer, der Rottzehnte für den Landgrafen, Frondienste auf herrschaftlichen Wiesen, Landstraßendienste, Frondienste im Haus des Deutschen Ordens… . Gleiches galt für die Bauern in Groß- und Kleinseelheim. Die Bauern waren die Lasttiere der Gesellschaft vom Mittelalter bis in die Neuzeit. Offensichtlich hätten geistliche und weltliche Herrschaften ohne die Schufterei der Bauern gar nicht existieren können. Erst 1809 endete für die Bauern in Schönbach die Jahrhunderte lange Sklaverei. Napoleon Bonaparte fegte die alten Fürstentümer von der Landkarte und löste die geistlichen Orden auf.

Die Geschichte der Kirchengemeinde Schönbachs reicht bis ins hohe Mittelalter zurück. Schon 1295 hat es einen Pleban (Leutpriester) gegeben. Bis ins Spätmittelalter war Schönbach nach Bauerbach eingepfarrt. Daran erinnert heute noch die „Schönbacher Pforte“ an der Pfarrkirche St. Cyriakus an der Ostwand des nördlichen Seitenschiffs. Diese Pforte ahmt in Stein eine altertümliche Holzverbindung nach, wie sie bis ins 12. Jahrhundert gebräuchlich war. Sie ist also älter als die heutige Kirche! Seit der Einführung der Reformation 1530 (urkundlich 1577) war Schönbach nach Großseelheim eingepfarrt. Auch an der Kirche in Großseelheim existiert an der Nordwand eine „Schönbacher Pforte“. Ein Friedhof um die Kirche wird 1549 erwähnt; über diese Vorgängerkirche, wo sie gestanden und wie sie ausgesehen hat, ist gar nichts bekannt. Doch schon vor dem 30jährigen Krieg gab es einen Opfermann (Küster) und einen Schulmeister in dem kleinen Ort, der 1577 aus nur 14 Haushaltungen bestand. Allerdings verfügte die Schönbacher Kirche über eigene Einnahmen aus Erbzinsen an bebauten Grundstücken. Davon profitierten nach dem 30jährigen Krieg die Schönbacher Bauern: für den Wiederaufbau ihrer Höfe konnten sie sich beim Kirchenkasten gegen Zins ein Darlehen geben lassen.

Dem schlichten Äußeren der Schönbacher Kirche entspricht ein ebenso schlichter Innenraum. Typisch für die Fachwerkarchitektur der genannten Epoche sind die drei Längsunterzüge unter der Flachdecke, die im Osten und Westen von je einem Rundbogen getragen werden. Die Brüstungen der zweiseitigen Empore stammen aus dem 18. Jahrhundert, ebenso der achteckige Taufstein vor dem Pfarrstand. Auf der Empore steht das Orgelpositiv von 1959. Zwischen 1973 und 1976 bekam die Kirche ein neues Gestühl, dabei wurden die alten, geschweiften Wangen wieder verwendet, die Farbgebung in Grau-Blau, mit Grün und Rot abgesetzt, orientierte sich an der Fassung von 1780. Nachdem auch Dach und Glockenstuhl saniert worden waren, konnte das kleine Gotteshaus am 30. Mai 1976 wieder eingeweiht werden. Die Architektur der Schönbacher Kirche steht in direktem Bezug zu der besonderen Dorfgeschichte und erinnert uns an schwere Zeiten im Dienst mehrerer Herren. Doch wenn zu Weihnachten die Kirche bis auf den letzten Platz gefüllt ist, sagt Pfarrer Schmidtpott, „dann spürt man: dies ist ein durchbeteter Raum.“

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