Erinnerungen 1913-1932

Von Wilhelm Combecher, Darmstadt, im Januar 2001

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Erinnerungen

In einer E-Mail mit den guten Wünschen zum neuen Jahrtausend an alle meine Lieben, deren Wurzeln in meinen Geburtsort Schönbach zurück reichen, hatte ich die Veränderungen der Lebensbedingungen seit meiner Jugend angesprochen. Das positive Echo darauf und die Anregung, mehr aus der Vergangenheit des Hauses Combecher zu erzählen, sind mir Ansporn in meinen Erinnerungen zu kramen.

Hier versuche ich einen bruchstückhaften Einblick zu geben, wie wir vor rund achtzig Jahren lebten. Da gab es weder Radio noch Fernseher und es fehlten die vielen, mit Motorkraft betriebenen bzw. elektronischen Helfer, die uns heute das Leben erleichtern, es war noch viel Muskelkraft gefragt. Autos gab es zwar schon, aber nur für die Reichen und wenn die auf Reisen gingen, dann mußten sie auf Schiff oder Eisenbahn umsteigen falls sie sich nicht in ein riskantes Abenteuer stürzen wollten. Weder die damalige Technik noch der Straßenbau sind mit dem heutigen Stand vergleichbar. Flugzeuge gab es als Kriegs- dann Sportmaschinen und lange nicht als Verkehrsmittel. Und der Reißverschluß war auch noch nicht erfunden.

Auf geht’s!

Schönbach ein kleines Dorf von damals knapp 200 Einwohnern gehörte zum Kreis Kirchhain, der 1927 in den Kreis Marburg aufging. In einer weiteren Gebietsreform in den 60er oder 70er Jahren wurde Schönbach als Ortsteil der Stadt Kirchhain eingegliedert.

Zu meiner Zeit 1913 – 1932 hatte Schönbach einen Bürgermeister, die einklassige Volksschule mit meinem Vater als Lehrer, eine Kirche (ehemals Zehntscheuer), aber keinen Pfarrer. Etwa alle vier Wochen kam der Großseelheimer Geistliche zum Pfarrgottesdienst. An den übrigen Sonntagen hielt der Lehrer, mein Vater, Lesegottesdienst. In jedem Falle war damals die Kirche immer gefüllt. Besonders die Frauen schätzten die hier gewonnene „Ruhestunde“. Vater war auch Organist und spielte das Harmonium denn unsere kleine Kirche hatte keine Orgel. Daß wir Kinder regelmäßig zum Gottesdienst gingen verstand sich von selbst. Oft mußten wir auch zum Pfarrgottesdienst in das ca. 2 – 3 Km entfernte Großseelheim.

Der nächste Arzt und auch die nächste Apotheke waren in Kirchhain. Das nächste Krankenhaus in Marburg. War jemand bettlägerig und brauchte den Arzt, mußte der durch einen Boten verständigt werden. In Notfällen wurde der Patient per Leiterwagen, Stroh als Unterlage, befördert. Verordnungen des Arztes wurden in der Apotheke hergestellt und waren gewöhnlich nach zwei Stunden abholbereit. Die Ingredienzien für das Pülverchen wurden in einem Mörser zerrieben gemischt und dann eingetütet. Salben wurden nach ärztlicher Verordnung angerührt und in Dös’chen gefüllt. Tütchen bzw. Salbendös’chen wurden handschriftlich mit Inhaltsangabe und Anwendungsformel versehen. Das Maß für die Dosierung des Arzneipulvers war die etwas ungenaue „Messerspitze“. In Tablettenform gab es nur wenige Standardmedikamente wie z.B. Aspirin. Flüssige Medizin wurde nach Esslöffel, Teelöffel oder nach Tropfen bemessen.

Der Weg nach Kirchhain

Bis Anzefahr, der nächsten Bahnstation sind es drei Kilometer. Von dort ist es eine Station bis Kirchhain. Zu Fuß brauchte man von Schönbach bis Kirchhain etwa eineinhalb Stunden, schneller ging es mit Fahrrad, so man eins hatte. Bauern und wer es sich leisten konnte, fuhren mit der Kutsche. Kraftfahrzeuge gab es keine in Schönbach Verirrte sich mal ein Auto hierher, war es bald von Neugierigen umringt. Ähnlich sensationell was es, wenn sich ein Flugzeug am Himmel blicken ließ, das war dann ein Sport- bzw. ehemaliges Kampfflugzeug.

Nachrichten und Neuigkeiten

Das Neueste, besonders lokale Nachrichten aus Dorf und Umgebung, gingen von Mund zu Mund. Die Zeitung brachte Überregionales, ansonsten bediente man sich der Briefpost, die war damals ebenso zuverlässig wie heute. Telegramme konnte man an der Poststelle aufgeben. Telefon gab es nicht. Die erste öffentliche Sprechstelle wurde in der Schönbacher Poststelle Anfang der dreißiger Jahre eingerichtet.

Unsere Familie

der Vater, Heinrich Combecher * 06.05.1883 (+)
die Mutter, Marie, geborene Möller, * 18.11.1889 (+)
mein Bruder Walter, * 28.05.1911 (+)
dann kam ich, Wilhelm (Willi) * 07.03.1913
meine Schwester Anneliese * 27.10.1914
der Bruder Georg * 28.03.1917 (+)
und der jüngste Bruder Ernst * 17.05.1919 (+)

Vater, selbst Sohn eines Lehrers und seinen Erzählungen zufolge sehr streng erzogen, war das Gesetz. Er bestimmte die Verhaltensrichtlinien. Gleichzeitig war er auch die vollziehende Gewalt. Damals war der Rohrstock allgemein ein unverzichtbares Erziehungsmittel. Auch Vater machte davon bei vermeintlichem Fehlverhalten der Schul- und besonders seiner Kinder regen Gebrauch. Er benutzte jedoch Haselnußstöckchen, die waren billig und wuchsen gleich um die Ecke.

War Besuch da, so wurden wir Kinder entweder nach draußen geschickt oder mußten still sitzen. „Kinder reden nur, wenn sie gefragt werden“. Vor dem Schlafengehen mußten wir ihm mit dem Sprüchlein „gute Nacht lieber Vater“ die Hand geben. Manchmal auch mit einem Zusatz zur Bestätigung von regelmäßig auszuführenden Aufträgen, wie z.B.: „Zähne geputzt, Wasser geholt, gute Nacht lieber Vater“. – mit dem Wasser war die Kanne im Schlafzimmer für Vaters Morgenwäsche zu füllen. – Dieser Spruch hörte sich nach gebetsmühlenhafter Wiederholung nach einiger Zeit so an: „Tä butzt, Wa holt, na-li-Va“. worüber sich die nicht Betroffenen unter uns Kindern lustig machten. Verhaltensregeln mit Gesetzeskraft wie: „Kinder und Hunde gehören nicht aufs Sofa“ gab es noch mehr. Mit einem Ausspruch berief er sich auf den Vater Martin Luthers, der soll, während er seinen Sohn züchtigte, gesagt haben: „Lieber einen toten Sohn als einen ungeratenen“. Das waren harte Worte.

Bei aller Strenge haben wir bei Vater doch viel gelernt und nicht nur in der Schule. In einem Zusatzstudium an der Uni Marburg hatte er sich zum Mittelschullehrer qualifiziert, was heute dem Realschullehrer entspricht. Nach dem Hausbau in Schönbach wollte er sich aber nicht mehr versetzen lassen und blieb Dorfschullehrer. Als exzellenter Botaniker wirkte er aber über die Schule hinaus und führte viele Exkursionen mit der Lehrerschaft des Kreises durch, an denen wir Kinder so weit möglich teilnahmen.

Seine Handwerklichen Fähigkeiten waren sehr vielseitig, die hatte er von seinem Vater ebenso wie seine Strenge. Zum Beispiel hat er Uhren repariert ob Standuhr, Wanduhr oder Taschenuhr, von Bauern gab’s dafür meist Naturalien aus der Räucherkammer die sehr willkommen waren. Armbanduhren kannte man im Dorf nicht. Er konnte auch Bücher binden, das tat er zwar selten aber professionell und zwar von der Lose-Blatt-Sammlung bis zum fertigen Buch mit Lederrücken, Buchdeckel mit Stoßecken usw. Das nötige Werkzeug dazu, Bücherpressen und Schneidvorrichtungen hatte er von seinem Vater. Sogar das Buntpapier für die Buchdeckel fertigte er in dem er Papier mit farbigem Kleister bestrich, aufeinander legte und dann wieder trennte, damit die verschiedenen Farben ineinander verliefen. Nach dem Hausbau richtete er sich eine Schreinerwerkstatt ein und hat so manches Möbelstück, Bänke, Tische, Schränkchen u.a. gefertigt. Auch als Imker war er geschätzt. Im Garten hatte er ein Bienenhaus mit einem Dutzend und mehr Bienenstöcken. Zwangsläufig arbeitete er auch in der Landwirtschaft mit und mähte auch mal Getreide, doch lag ihm das nicht sehr. Er gab sich Mühe, uns viele seiner Fähigkeiten zu vermitteln.

Mutter, ebenfalls Tochter eines Lehrers, ist wie sich das zur damaligen Zeit für eine Beamtentochter gehörte in einem Pensionat (in Eschwege, Kreisstadt in Nordhessen) auf die Pflichten einer künftigen Frau und Mutter vorbereitet worden. Uns war sie gegen Vaters Strenge eine Schutzburg, was andererseits zu häufigen Meinungsverschiedenheiten der Eltern führte. Die Kleinen versteckten sich hinter ihrer Schürze, bei uns größeren bemühte sie sich um Strafmilderung, doch mit geringem Erfolg. Wenn Vater abwesend war, und er mußte oft zu Lehrerkonferenzen nach Kirchhain, dann waren wir so ausgelassen wie andere Kinder auch und wenn Mutter uns dann zur Ordnung rufen mußte, hieß es nur: „Ich sag‘s dem Vater“! Im übrigen war Mutter der Mittelpunkt der Familie. Mit ihr konnten wir unbefangen sprechen und auch „Missetaten“ beichten Sie hat manches ausgebügelt um Vaters Strafen abzuwenden.

Die Küche war Mutters Reich, im Sommer auch der Garten., war die Familie vollzählig, waren immerhin acht Mäuler zu stopfen. Unser Dienstmädchen, das überwiegend mit Stall-und Feldarbeit beschäftigt war, saß mit am Tisch.

Der Waschtag nahm beide, Mutter und Dienstmagd, in Anspruch. Die Wäsche wurde eingeweicht, gekocht, z.T. gebürstet bzw. auf dem Waschbrett gerubbelt, auf dem Rasen gebleicht, dabei mittels Gießkanne mehrmals übergossen und dann zum Trocknen aufgehängt. Die Gerätschaften dazu: Der große eingemauerte, beheizbare Waschkessel, ein Waschtisch, das mit Zinkblech beschlagene Waschbrett, die Bleiche und Trockenleine. Jedenfalls erforderte der Waschtag außergewöhnlichen Aufwand. Dann mußte noch gemangelt oder gebügelt werden.

Im Waschkessel, Standardausrüstung jedes Hauses, wurden bei Hausschlachtungen auch das Kesselfleisch und die Kochwürste, Schwartemagen (Blunsen), Leber- und Blutwürste gekocht. Nach der Obsternte wurde darin das Zwetschenmus in einem langwierigen Kochvorgang zubereitet. Zwetschenmus war der wichtigste Brotaufstrich zum Frühstück. Die Rahmhaut von frisch gekochter Milch auf dem Zwetschenmusbrot war eine besondere
Delikatesse.

Gab’s sonst nichts zu tun, dann war das Strickzeug in Bewegung. Mutter hat fast alle Strümpfe und die aus Wolle bestehende Oberbekleidung für uns gestrickt und täglich waren Strümpfe zu stopfen. Wer würdigt das schon?

Wir Kinder brachten alle Kinderkrankheiten, Windpocken, Masern, Mumps usw. nach Hause, geimpft wurde damals nur gegen Pocken. Mutter war nie krank, außer wenn kleinere Geschwister geboren wurden. Walter, kam in einer Marburger Klinik, wir die übrigen als Hausgeburten im Schönbacher Schulhaus zur Welt.

Geld war in der Familie kein Thema. Vater verwaltete es und kaufte ein was seiner Meinung nötig war. Wir waren ja Selbstversorger. Hatten Gemüse, Kartoffeln. Fleisch von den Hausschlachtungen, Getreide bauten wir selbst an und ließen es nach Bedarf in der Mühle mahlen. Eier legten die Hühnern, unsere zunächst eine, später zwei Kühe versorgten uns mit Milch, von der wir einen Teil zentrifugierten und den Rahm verbutterten. Und außerdem, es gab ja im Dorf keinen Kaufladen. Erst Ende der 20er Jahre eröffneten Iweses einen Kolonial-warenladen (sie hießen Schmidt, Iwe, im Hausnamen, kommt von Eva). Wenn Mutter doch mal Geld brauchte um bei Bauern Eier oder Butter zu kaufen weil unsere Viecher mal nicht genug hergaben, dann mußte sie’s von Vater erbetteln, oft unter Tränen. Das war nicht schön.

Landwirtschaft so nebenbei

Wie fast alle Einwohner des Dorfes, soweit sie keinen Bauernhof besaßen, war auch der Lehrer so etwas wie ein Nebenerwerbs Landwirt. Neben dem Gehalt, es war sicher nicht üppig, stellte ihm die Gemeinde Ackerland sowie eine Wiese und die Kirche für Organisten- und Lesegottesdienst weiteres Land zur Bewirtschaftung zur Verfügung. Solange wir im Schulhaus wohnten hatten wir zunächst zwei Ziegen, später eine Kuh und als Mitte der zwanziger Jahre der Neubau, Wohnhaus mit Stall, fertig war, da hatten wir Platz für zwei Kühe und bis zu vier Schweinen. Auf den Äckern, sie lagen auf verschiedenen Flurstücken, bauten wir im jährlichen Wechsel Brotgetreide, Kartoffeln, Futterrüben oder auch Futtergetreide an. Die Wiese wurde zweimal im Jahr gemäht. Im Frühsommer wurde Heu und im Herbst Grummet gemacht. Gemäht wurde mit Sensen, das machten zwei oder drei Mann, die sich darauf verstanden gegen geringen Lohn, als ich größer war habe ich mich auch an der Heumaht beteiligt. Das Heu wenden, häufeln und zum Verladen zusammen rechen blieb uns vorbehalten, wobei Liesbeth, das Dienstmädchen, die Hauptarbeit leistete. Auch das Getreide, die Äcker waren ja nicht so groß, wurde mit der Sense gemäht. Mit etwa 15 oder 16 Jahren habe ich mal den Roggen geerntet; ich habe gemäht, Liesbeth hat die Garben gebunden und gemeinsam haben wir‘s aufgestellt. Da war ich mächtig stolz drauf. Das Pflügen, Einfahren der Ernte und sonstige Fahrdienste leistete Schoumanns Heinrich mit seinem Pferdegespannt. Er wußte die fälligen Arbeiten einzuteilen und gab uns die Termine rechtzeitig bekannt. Für kleine Fahrten haben wir auch mal Lina, unsere Kuh, eingespannt. Walter und ich sind verschiedentlich mit unserem Kuhgespann nach Kirchhain gefahren um Baustoffe zu holen. Das sind immerhin 7 – 8 Straßenkilometer. Das Vieh hatte dazu überhaupt keine Lust und mußte ständig angetrieben werden. Hatten wir dann endlich in Kirchhain unsere Ware verladen, war Lina wie umgewandelt, zügig ohne einmal anzuhalten zog das Tier den Wagen nach Hause.

Unsere Kleidung

Die Kinderkleidung nähte Mutter selbst, manchmal kam auch Tante Elisabeth, eine jüngere Schwester des Vater, sie nähte Mutters Kleider und half auch bei der Kinderkleidung. Bei Buben bestand die aus einem Leibchen an das die kurze Hose geknöpft war. Strumpfhalter, bestehend aus einem kräftigen Gummiband mit Knopflöchern, hielten die Wollstrümpfe am Leibchen. Darunter trugen wir ein Hemd aber keine Unterhose.. Einmal bekamen Walter und ich jeder einen Bleyle-Anzug mit Matrosenkragen, aus welchem Anlaß auch immer, wir waren mächtig stolz nur mußten wir sehr aufpassen, daß er nicht schmutzig wird. In der Regel trugen wir Strickjacken als Oberbekleidung. Mäntelchen wurden auch in Handarbeit, meist von Mutter hergestellt. Damals gab es viel zu stricken, bei Strümpfen war der Verschleiß besonders groß. Frauensleute, wenn sie nicht gerade Feldarbeit verrichteten, sah man nur mit Strickzeug. Den ersten richtigen Anzug, vom Schneider angemessen, bekam man zur Konfirmation. Der durfte dann mit langer Hose sein.

Das Schuhwerk

Wir hatten einen Schuster im Dorf. Für neue Schuhe wurde der Fuß auf Papier nachgezeichnet und vermessen. Dann nahm der Schuster einen passenden Leisten, schnitt das Leder zu und ging ans Werk. Nach einer Zwischenanprobe konnte man sie dann bald abholen. Dem Schuster haben wir oft zugeschaut bei seiner Arbeit am kniehohen Tisch, daneben der Dreifuß und darüber die „Schusterkugel“, ein mit Wasser gefülltes kugelförmiges Glas, das für mehr Licht am Arbeitsplatz sorgte. Für uns gab es nur Schnürstiefel, die über die Knöchel gingen. Halbschuhe waren unbekannt. Die Ledersohlen waren kräftig und wurden mit Nägeln, Pinn genannt, beschlagen und die Absätze mit Eisen versehen. Waren die Nägel abgenutzt, wurden die Schuhe neu bepinnt. Ich kann mich erinnern, daß ich einmal eigene Schuhe auf diese Weise bekam. Ansonsten trug ich stets Walters Schuhe, aus denen er herausgewachsen war. Die Folgen solch schlechten Schuhwerks sieht man meinen Füßen heute noch an.

Hygiene, Kosmetik

Gebadet wurde am Sonnabend. Wie, das hatte schon Wilhelm Busch in seinem „Das Bad am Samstagabend“ treffend beschrieben. In einer Zinkwanne, die wurde in der Küche (im alten Schulhaus im Wohnzimmer) aufgestellt. Das Wasser wurde auf dem Herd erhitzt. Eine Füllung reichte meist für alle fünf Kinder. Die Ausgaben für Kosmetik waren gering. Kernseife war preiswert, zum Zähne putzen benutzten wir Schlämmkreide, die besorgte Vater. Mutter bekam von Besuchern auch mal duftende Toilettenseife geschenkt. In den frühen 20er Jahren hat Vater selbst mal Seife hergestellt. Er experimentierte gern. Aus Schlachtabfällen und irgendwelchen Chemikalien hat er einen Sud gebraut und dann, als der steif genug war, in handliche Stücke geschnitten. So hatten wir einen großen Vorrat an Seife, doch die stank und wurde von niemandem gern benutzt. Es waren längst bessere Zeiten, dieser Vorrat war unerschöpflich und landete irgendwann im Müll.

Müllabfuhr

Apropos Müll, Müllabfuhr gab es nicht. Lumpen, Knochen, Papier, Metalle, das was man heute als „Wertstoffe“ sammelt, gab man dem Lumpensammler, der sporadisch mit seinem Wägelchen durchs Dorf zog und sich mit schwingender Schelle und lautem Rufen bemerkbar machte. Kunststoffe gab es noch nicht, die kamen erst Mitte der 30er Jahre auf.. Was heute Biomüll heißt, wanderte auf die Miste und wurde zu Dung. Nicht verwertbares verrottete meist in einer unauffälligen Ecke des Grundstückes.

Kanalisation

Kanalisation war uns unbekannt. Hatte doch jedes Haus seine Miste mit Jauchegrube. In der Regel stand daneben das Häus‘chen, in dessen Tür (statt eines Fensters) ein Handteller großes Loch, meist in Herzform, geschnitten war.

Schulhaus

Wir wohnten im Schulhaus einem Bau aus dem 18. Jahrhundert. Es war ein langes Haus mit Satteldach, in dem das Schulzimmer, die Lehrerwohnung, der Stall und die Scheune untergebracht waren. Vom Haupteingang, betrat man einen mit Sandsteinplatten belegten Vorraum, von hier ging es rechts zum Schulzimmer, links war die Treppe zur Wohnung und geradeaus durch eine Tür kam man in die Waschküche, hinter einer weiteren Türe in der Außenmauer war das Örtchen als Holzverschlag angebaut, darin die Holzbrille und dem darunter stehendem Eimer. An der Wand hing fein säuberlich zurecht geschnittenes Zeitungspapier zum diesbezüglichen Gebrauch. War der Eimer voll, wurde der Inhalt von Vater im Schulgarten in eine Grube entleert, als Dungvorrat für Kartoffeln und Gemüse.

Die Holztreppe zur Wohnung führte zunächst in eine Diele Eine Türe ging in das Wohnzimmer mit dem eisernen Kachelofen und dem dahinter liegenden Schlafzimmer, eine in die Küche und eine dritte in drei hintereinander liegende unbeheizbare Räume. Das Wohnzimmer war so niedrig, daß Erwachsene sich in der Türe bücken mußten. Unser Hausarzt, ein Mann von mindestens 1.80 m, konnte im Wohnzimmer nur in gebückter Haltung stehen. Wir fanden das lustig. Das Schlafzimmer war so klein, daß gerade mal zwei Betten im rechten Winkel zueinander stehen konnten und eine Kommode Platz fand.. Die Babys, von Walter bis Ernst, dem Jüngsten, lagen jeweils in einem Schließkorb vor Mutters Bett.

Die drei genannten unbeheizbaren Räume, Teil des Obergeschosses, lagen über dem Stall und der Tenne (Dreschboden der Scheune). In dem ersten dieser drei Räume schliefen Walter und ich; zunächst in einem Bett, als wir größer wurden bekam jeder sein eigenes. Im zweiten schlief unser Dienstmädchen und im dritten waren der Salon, eine Wäschemangel, die Honigschleuder und andere selten benötigte Gerätschaften untergebracht. Außerdem wurden darin nach einer Hausschlachtung vorübergehend Würste, Schinken und Speckseiten aufbewahrt bevor sie zum Räuchern kamen.

Der Salon, Teil der Aussteuer meiner Mutter, war eine Jugendstilgarnitur bestehend aus Plüschsofa, zwei entsprechenden Sesseln und zwei Vertikos aus Kirschbaumholz mit kunst- und stilvollen Einlegearbeiten, teilweise in Perlmutt. Dazu ein rundes Tischchen mit reich verzierten Füßen und Rollen daran. Sofa , Vertikos und ein Spiegel der die Breite des Sofas hatte, waren mit einem großen ebenfalls mit Intarsien verzierten Rahmen zu einer Einheit zusammengefaßt. Es waren wunderschöne Möbelstücke doch mehr zum anschauen als zum Gebrauch in einer Großfamilie. Auch später im neuen Haus belegte der Salon ein eigenes Zimmer, das er auch hier, wie schon in der alten Schule mit den bereits erwähnten Gegenständen und den Würsten und Speckseiten teilen mußte.

Später, während des zweiten Weltkrieges wurden Sofa und Sessel benutzt und ziemlich verschlissen. Der schöne Spiegel erblindete weil er Jahrzehnte im unbeheizten Räumen unverträglichen Temperaturschwankungen ausgesetzt war. Als ich Mutters Haushalt nach ihrem Umzug nach Seeheim auflöste, weil das Haus verkauft werden sollte, wanderte der Rest des schönen Salons im „Sperrmüll“ d.h. hölzernes ist immer zu gebrauchen und so haben Nachbarn sich der Reste angenommen, doch es war zum Weinen.

Einquartierung 1. Weltkrieg

Der erste Weltkrieg war zu Ende, die deutschen Soldaten kamen von der Front zurück und für Wochen wurde die Schule von Soldaten belegt. Für uns, Walter war 7 und ich 5 Jahre alt, gab es viel zu sehen und auch zu erleben. Unter den Soldaten waren auch einige, die sehr freundlich zu uns Kindern waren. Viele Ausrüstungsgegenstände wurden herrenlos und fanden unser Interesse. Patronentaschen, Koppel, Brotbeutel, Feldflaschen, Stahlhelme, Gasmasken und vieles andere. Für alles waren wir Abnehmer und versteckten es auf dem Speicher. Walter, er war für mich der große Bruder der schon soviel wußte, erklärte mir die Bedeutung des Stahlhelm und daß der sogar vor Gewehrkugeln schützt. Zur Demonstration setzte er mir einen Helm auf, nahm einen Holzprügel und holte zu einem kräftigen Schlag aus. Natürlich war das Helmpolster nicht angepaßt und der Schlag, den er mir versetzte war doch ziemlich schmerzhaft. Ich fand das gar nicht lustig. Dieser Vorfall dämpfte ganz nachhaltig die Hochachtung vor meinem großen Bruder

Die Einquartierung hatte auch negative Seiten. Wir sind durch die Strohlager der Soldaten gekrochen und haben uns die Krätze geholt. – Walter, ich und auch Anneliese haben sie aufgefangen und zwar am ganzen Körper. Es war fürchterlich. Alles war wund und hat schrecklich geschmerzt und gejuckt und wir Kinder haben geweint und gejammert. Die Eltern waren ganz verzweifelt, haben uns gebadet (in der Waschschüssel, wo sonst?), mit Salben und allen möglichen Mixturen eingerieben und uns zu trösten versucht. Zudem hat es fürchterlich gestunken. – Letztendlich haben die Milben verloren, haben sich zurückgezogen und wir waren von einem bösen Leiden befreit.

Die Nachbarschaft

Als Kind hab ich mich gern bei Gret’s aufgehalten. Gret’s ist der Haus-, Hofmann der Familienname. Gret’s Katrienchen war so alt wie Walter, eine Waise, die bei Ihrer Tante und dem Onkel lebte. Ihr Onkel, Gret’s Vetter war am Güterbahnhof Kirchhain beschäftigt. Sonntags schnitt er den Männern der Nachbarschaft die Haare oder rasierte sie. Er hatte auch ein Grammophon, das hatte es mir besonders angetan. Jedesmal wenn ich später die „Barkarole aus Hoffmann’s Erzählungen“ hörte, fiel mir Gret’s Vetter und sein Grammophon ein. Er war ein guter Mensch, hatte immer Zeit für uns Kinder, so daß wir uns bei ihm wohler
fühlten als zu Hause.

Haare Schneiden

Apropos Haare schneiden, viele Jahre hat uns Vater die Haare geschnitten, setzte das Hand-Maschinchen an der Stirn an und ritze ratze wurde der Kopf kahl geschoren. Gegen Vaters Entscheidungen gab es keine Widerrede, aber es hat uns schon gewurmt, wenn uns die anderen Kinder wegen des Kahlschitt‘s hänselten. Wir waren froh, als auch wir uns später von Gret’s Vetter für wenige Pfennige die Haare schneiden lassen durften.

Nachtwächter

In der Nähe wohnte auch Stephan, der letzte Nachtwächter, er verdiente sich ein Zubrot durch Brennholz sägen. Als Nachtwächter mußte er die Stunden blasen und ausrufen. Mal hatte er offensichtlich zuviel getrunken und blies alle Nachtstunden in einem Zuge hintereinander. Darauf angesprochen, gab er zur Antwort: „Wann se gehoint sei, sei se gehoint“, was soviel heißt wie: ‚Wenn sie geblasen sind, sind sie geblasen‘ (die Stunden); dieses Zitat hat sich in unseren Familien bis heute als „Geflügeltes Wort“ bei passenden Gelegenheiten erhalten.

Spielen

Zum Spielen im Dorf kamen wir seltener. Vater hatte etwas dagegen. Wenn aber Vater zur Lehrerkonferenz nach Kirchhain fuhr war für uns ‚high live‘, wie man heute treffend sagen würde. Kam Vater zurück und wir waren nicht zu Hause, dann pfiff er nur die Noten c e g c, das zweite c eine Oktave höher. Dieses Signal war im ganzen Dorf bekannt und wurde interpretiert mit ‚Wal – ter – Wil – li‘ jede Silbe ein Ton.

Umgangssprache

Wir durften zuhause keinen Dialekt sprechen. Vater hat es verboten. Ausdrücke die heute in der Umgangssprache üblich sind wie Scheiße, Arsch und so weiter waren bei Strafandrohung zu Hause verboten, hatten im Dialekt aber ihren festen Platz. Für das erste der angeführten Ausdrücke galt für uns „A A“. Mal war ich krank, hatte keinen Appetit und beide Eltern bemühten sich, mich zum Essen zu bewegen. Ich probierte und sagte dann kühn: „das schmeckt wie „Hunde-A A“. Die Eltern lachten beide schallend (was selten vorkam) ich erschrak, denn hier hatte ich zumindest einen Tadel erwartet, nun lachte ich mit ihnen.

Die einklassige Volksschule

Schulpflichtig waren Kinder ab dem sechsten bis zum vierzehnten Lebensjahr. Der Lehrstoff wurde von der Schulbehörde vorgegeben. Der Unterricht spielte sich etwa so ab: Erstklässler wurden gesondert unterrichtet zwischendurch mit Malen beschäftigt und früher nach Hause geschickt. Die übrigen sieben Jahrgänge wurden in (meist drei) Leistungsgruppen eingeteilt. Die Zahl der Schüler aller 8 Jahrgänge lag so im Mittel bei 20. Beispielsweise war der Geburtsjahrgang 1913 durch drei Schüler vertreten, Riere Heinrich, Gerbers Lina und ich. Von den Leistungsgruppen wurde jeweils eine mündlich unterrichtet, während die übrigen schriftliche Aufgaben bekamen. Es erforderte von den Schülern, die schriftlich beschäftigt waren einige Konzentration um sich nicht vom mündlichen Unterricht der anderen Gruppe ablenken zu lassen.

Disziplin per „Stöckchen“

Daß das Stöckchen eine nicht unwesentliche Rolle spielte, hatte ich schon erwähnt. Disziplin war nötig um dieserart Unterricht erfolgreich zu gestalten. Oft wurde auch mittels des Stöckchens die Merkfähigkeit des Schülers gefördert. Beispielsweise hatte ich beim kleinen Einmaleins wiederholt Schwierigkeiten mir 7 x 8 zu merken. „Sieben mal acht ist sechsundfünfzig“ hat vier betonte Silben, Stockhiebe auf den Hintern im Takt dieser Silben, bei zweimaliger Wiederholung haben diese Bildungslücke nachhaltig geschlossen. Einmal, die Familie war gerade beim Mittagessen, kam eine Abordnung der Elternschaft und beklagt sich über ungerechtfertigte Züchtigung ihrer Kinder. Den Ausgang dieses Gesprächs kenne ich nicht, ich weiß aber, daß Vater sich in der folgenden Zeit ausgiebig mit den Schriften Pestalotzis, eines namhaften schweizerischen Erziehers, beschäftigt hat.

Umgang mit Nachbarskindern

Nachbars Peter war gleichaltrig mit Walter. Peters Vater war Weißbinder und seine Mutter verdingte sich im Taglohn bei Bauern. Walter und Peter fanden sich bald beim Spiel. Vater war das nicht recht, seiner Meinung war Peter kein Umgang für seine Kinder. Als man beide dabei überraschte wie sie mit einer toten Maus „Hausschlachtung“ spielten, sie waren gerade dabei die Sau zu „schrappen“, da war es geschehen und Vater hatte einen Grund, Walter den Verkehr mit Peter zu verbieten. Diese Geschichte hat Mutter mir erzählt denn an dem „Schlachtfest“ hatte ich noch nicht teilgenommen.

Da war noch Riere Heinrich, er und ich waren die einzigen Knaben des Jahrgangs 1913 Schönbach. Sein richtiger Name: Heinrich Rein. Riere ist der Hofname und kommt von Riede, dem Ortsteil und Hang, dessen Untergrund aus rotem Ton (Röte) besteht. Mit Walter wurden wir ein Trio, das viele Jahre die sonntägliche Freizeit gemeinsam genoß. Daß
Heinrich als Kind seinen Kräften entsprechend auch auf dem Hof mitarbeiten mußte war selbstverständlich. Heinrichs Eltern waren Kuhbauern und hielten an altem Brauchtum fest. Heinrich redete seine Eltern und Großeltern nie mit „DU“, sondern immer in der dritten Person mit „IHR“ an.

Das Essen wurde im Riere-Hof in einem Kessel, der an Ketten über einem offenen Feuer hing, gekocht. Die Feuerstelle war gleich hinter der Haustüre des Wohnhauses und war offen bis unter das Dach. Da oben hingen dann Würste, Speck und Schinken die durch den Rauch gleichzeitig haltbar gemacht wurden. Manchmal wurden auch wir, Walter und/oder ich zum Essen eingeladen, da bekam jeder einen Löffel und man aß den Eintopf aus einer irdenen Schüssel die mitten auf dem Tisch stand. Für uns, die wir zuhause aus Tellern aßen, war das etwas gewöhnungsbedürftig aber geschmeckt hat‘s. Solcherart Service hatte auch seine praktische Seite; Schüssel aus- und Löffel abgewischt, fertig ist der Abwasch.

An warmen Sommertagen gingen Walter und ich oft zum Schwimmen in den Mühlgraben, ein für die Schönbacher Mühle von der Ohm abgezweigtes Gewässer. Riere Heinrich war Baden von den Eltern und besonders den Großeltern verboten worden. Dennoch traf er sich heimlich mit uns und lernte schwimmen. Eine seiner Großmütter, ihr Hof war unweit der Ohm, erfuhr einst, daß Heinrich baden war und holte ihn wutentbrannt nach Hause. Daß Walter und ich die Übeltäter waren, die den Heinrich verführt hatten, war klar. Also ging die alte Frau Gaß zu unserer Mutter und beschwerte sich. ‚Das Wasser sei doch so ungesund, sie könne das nicht verstehen, daß sie uns das Baden in der Ohm erlaubt‘ und fügte wörtlich hinzu: „Wann aich mer am Sonndog der Hals wäsche, spiern aichs die ganze Woch“. – Übersetzt: ‚Wenn ich mir sonntags den Hals wasche, spüre ich‘s die ganze Woche‘.

Sonntags streiften wir durch die Wälder, am Dingelberg fanden und sammelten wir Topfscherben und Schaber – das sind Steinmesserchen – aus frühgermanischer Zeit, Walter fand sogar eine Steinaxt. Was wir fanden wurde Vaters Sammlung zugeführt. Glanzstück der Sammlung war ein fast vollständiges Tongefäß, welches Vater aus den gefundenen Scherben wieder zusammengeleimt hat.

An einem Handgranaten-Übungsplatz einer in Marburg stationierten Reichswehr-Einheit, den wir auf unseren Streifzügen durch die Lahnberge entdeckten, fanden wir Dynamit-kapseln und an anderer Stelle, in einer schlecht verschlossenen Steinbruch- Gerätebude sogar Schwarzpulver und Zündschnur. Das reizte natürlich zu Experimenten von denen kein Erwachsener erfahren durfte. Doch einmal beobachtete unser Nachbar Carle, der an der Haltestelle Anzefahr Dienst tat, in gut drei Kilometer Entfernug im „Hintersten Grund“ ein sonderbares Feuerwerk. Er tippte gleich auf uns drei und erzählte seine Beobachtungen unseren Eltern. Wir waren da schon etwas älter, Walter besuchte eine Oberklasse des Gymnasiums und ich war in der Lehre. Dieser Vorfall sorgte für helle Aufregung, in der Familie und die Strafpredigten und Ermahnungen so etwas nie, nie, nie wieder zu tun gingen ins Endlose.

Beleuchtung

Die Regelbeleuchtung waren Petroleumlampen. Eine reich verzierte repräsentative Petroleumhängelampe mit großem Milchglasschirm hing im Zimmer des Dienstmädchens. Die hing nur dort, weil sie für das Wohnzimmer zu groß war, man hätte sich nur den Kopf daran angestoßen. Für das Wohnzimmer hatten wir eine schöne Tischlampe ebenfalls mit einem Milchglasschirm. Für Küche und für Hin und Her waren einfache Docht-Lampen mit Zylinder und einem kleinen Reflektor im Gebrauch. Kerzen wurden nur kurzzeitig benutzt, weil Petroleumbeleuchtung billiger war.

In den Städten Kirchhain und Marburg, da standen (wie überhaupt damals in allen Städten) riesige Kessel, die sogenannten Gasometer. Die Haushalte wurden von dort mit Gas versorgt. Das machte gutes Licht und diente auch zum Kochen. Diese Riesenkessel sind heute bis auf wenige „Industriedenkmale“ verschwunden.

Elektrifizierung

Anfang der 20er Jahre, ich glaube 1922 – 23, wurde Schönbach elektrifiziert. Für uns Kinder eine überaus spannende Angelegenheit. Da wurden Masten aufgestellt, Dachgestänge eingerichtet, Freileitungen gezogen und in den Häusern Lichtleitungen verlegt. Als dann der Strom eingeschaltet wurde waren alle überrascht von der Lichtfülle die von 15 oder gar 20-Watt Kohlenfadenlampen ausging. Im Laufe der Jahre wurden wir mit Wolframfadenlampen weiter verwöhnt und später kam auch ein „Kronleuchter“ ins Wohnzimmer. Dann wurden mal eine Kreissäge oder eine Hächselmaschine elektrisch betrieben und ganz allmählich kamen dann auch die ersten Küchenmaschinen und Staubsauger in Gebrauch. Auch Straßenbeleuchtung wurde eingerichtet. Eine Lampe an Hanchriste Scheune und eine an Bossemersch Haus. Nun wurde auch die Dreschmaschine von einem Elektromotor angetrieben. Dieser hatte in einem Wagen platz, der von einem Kuhgespann gezogen werden konnte. Daß zum Dreschen jetzt keine Dampfmaschine mehr nötig war, machte uns Kinder um eine Attraktion ärmer.

Vater machte uns mit der Elektrizität auf folgende Weise bekannt: Im Vorraum der Schule war eine Steckdose, die ließ Vater vorsorglich einrichten obwohl sie zunächst nicht gebraucht wurde. Vater experimentierte gern und dachte wohl der Zeit voraus. Von dieser nahm er den Deckel ab, dann mußten wir uns, Mutter, Walter, ich und Anneliese (in dieser Reihenfolge, Georg und Ernst waren noch zu klein) an die Hand nehmen. Der feuchte Sandsteinboden sorgte für den nötigen Erdschluß. Vater nahm nun Mutter bei der Hand und langte dann mit einem Schraubenzieher in die Steckdose. – Die Wirkung war ein schlagender Erfolg. Wir alle hatten danach den nötigen Respekt vor der Elektrizität. Ich erinnere mich nicht, daß Mutter später jemals so böse auf Vater geschimpft hat.

Die Heizung
Im alten Schulhaus hatten wir zwei Feuerstellen. Im Wohnzimmer einen gußeisernen Kachelofen der zwei durch jeweils durchbrochene Gußeisentüren verschließbare Öffnungen hatte. In der unteren waren Herdringe durch welche man die Feuerstelle dem Kochtopf anpassen konnte. Hier wurde gelegentlich auch gekocht und gebacken. Die obere Öffnung diente zum warm halten der Speisen oder der Wärmflasche (im Winter unverzichtbar). Hauptsächlich wurden die Mahlzeiten aber auf dem Küchenherd gekocht. Die Küche war sehr klein und Wandregale dienten zur Aufbewahrung von Nahrungsmittel Gewürzen und der Gerätschaften. Bei jeder Feuerstelle stand auch ein Fidibusbehälter um Streichhölzer zu sparen, wenn irgendwo was anzuzünden war. Geheizt wurde mit Holz, das im Winter von den Waldeignern geschlagen und dann Raummeterweise versteigert wurde. Ein Bauer fuhr es uns an und ein Lohnunternehmer mit Bulldog und angebauter Bandsäge kam um das Holz, meterlange Buchen- oder Eichenholzscheite, in etwa 20 bis 25 cm lange Stücke zu schneiden. Diese wurden dann mit Axt und Beil in ofenhandliche Stücke gespalten und zum trocknen im und vor dem Holzschuppen gestapelt. Man sagte: Holz macht zweimal warm, beim Spalten und dann beim Heizen. Später im Neubau, da hatten wir auch einen Kohlenkeller und heizten zum Teil mit Steinkohlen oder Brikett.

Wasserversorgung

Die Bewohner der Riede holten ihr Wasser an der Pumpe oder an der Quelle des Baches der ‚Gosse‘ genannt wurde. Die Pumpe stand unweit des Schulhauses über einem 13 Meter tiefen Brunnen. Oft war sie defekt, dann mußte ein Fachmann in den Brunnen steigen. Die Fachleute, einer oben, der andere im Brunnen verständigten sich durch lautes Zurufen, dennoch war die Verständigung so schlecht, daß sie sich oft wiederholen mußten. Die Stimme aus dem Brunnen hallte so seltsam, daß „Pumpe reparieren“ ein beliebtes Spiel wurde, wobei wir das Zwiegespräch der Fachleute nachahmten. Im Winter war die Pumpe oft eingefroren, dann war auch der Platz um die Pumpe herum meist eine einzige Eisfläche. In solchen Fällen mußte das Wasser an der Quelle, die ca. 200 m entfernt war, geholt werden.

Das Wasser wurde in zwei je ca. 12 Liter fassenden Emailleeimern geholt. Ein Holzjoch wurde um Hals und Schultern gelegt, an Ketten rechts und links hingen die Eimer, die Hände am Eimergriff, so ließ sich die Last auch über weitere Strecken tragen. In der Küche war eine Eimerbank eine emaillierte Schöpfkelle hing zum allgemeinen Gebrauch daneben. Eine Waschgarnitur, bestehend aus einem Eisengestell für die Waschschüssel, dar unter eine etwa 3 bis 4 Liter fassende Wasserkanne, einem Seifenschüsselchen und einem Handtuchhalter gehörte zur Standardausrüstung der Küche und stand neben dem Ausguß. Hier wusch man sich im Bedarfsfall und nicht nur die Hände. Jedes Schlafzimmer war mit einen Waschtisch mit Waschschüssel und der Wasserkanne für die Morgenwäsche ausgerüstet. Im Elternschlafzimmer hatte der Waschtisch eine Marmorplatte, Schüssel und Kanne waren aus Porzellan bzw. Steingut. Wenn in Winterzeiten die Fenster voller Eisblumen waren weil die Fenster nur einfach verglast und die Schlafzimmer ungeheizt waren, dann fiel die Morgenwäsche kurz aus. Daß mit dem Wasser sparsamer umgegangen wurde als heute versteht sich von selbst.

Im Jahre 1925 bekam Schönbach eine Wasserleitung. Der Hochbehälter war nicht weit von unserem Haus entfernt. Wir wohnten bereits im neuen Haus, das nun auf der Riede das am höchsten stehende Gebäude war. Man hatte errechnet, daß der Wasserdruck knapp bis zum Keller reichen würde. Also wurde eine Zapfstelle auf halber Höhe der Treppe, die von der Straße den Hang hinauf zum Haus führte, eingerichtet. Damit aber auch die Küche versorgt werden konnte, mußte eine Pumpe her. Am billigsten war eine Flügelpumpe. Anfangs funktionierte sie, doch bald gab es Ärger damit und das Wassertragen von außer Haus ging weiter bis die oft langwierigen Reparaturen abgeschlossen waren. An den Einbau elektrischer Pumpen war damals nicht zu denken. Vater hat das wenig gekümmert, er holte ja kein Wasser, dafür waren die Kinder und ‚Lisbeth‘ unser Dienstmädchen zuständig..

Die große Inflation

Der ersten Weltkrieg, für Deutschland verloren, hat uns das „Versailler Diktat“ eingebracht. Die Folge war eine Teuerung die Anfang der zwanziger Jahre begann und sich immer schneller steigerte. Mit Geld sind wir Kinder damals kaum in Berührung gekommen doch entsinne ich mich, daß uns 1924 Vater mal das Schulgeld für die Rektoratschule mitgab, es war ein Bündel Zweimillionen-Scheine, die nur einseitig bedruckt waren. Die Währung verfiel damals so rasch, daß Vater, wenn er sein Gehalt holte, sofort versuchte etwas nützliches dafür einzukaufen. So kam er einmal mit dem schwer bepackten Rucksack von einer Auktion nach Hause. Da hatte eine Brauereigaststätte in Marburg pleite gemacht. Vor Mutter packte er sein Schnäppchen aus, es waren mindestens ein Dutzend Teller, Kaffeegeschirr und einiges mehr. Die hatten nur einen Fehler, sie trugen den Schriftzug „Bopp’s Terrassen“. Mutter hat eigentlich dem Vater nie widersprochen, doch hier wurde sie richtig aufmüpfig und rief: „Das Geschirr kommt mir nicht auf den Tisch!“ Hier hat sie sich mal wirklich durchgesetzt. Die Teller standen eine Weile herum, fanden aber an irgendeinem Polterabend doch noch praktische Verwendung. Die erste einheitliche deutsche Währung, die Mark, 1871 nach der Reichsgründung eingeführt, fand hier ihr unrühmliches Ende. Sie wurde 1924 ersetzt durch die Rentenmark .

Wechselkurs: Eine Billion Mark = Eine Rentenmark

Die Rentenmark blieb stabil und wurde nach einiger Zeit zur Reichsmark. Die Reichsmark kippte nach dem zweiten Weltkrieg, ihr folgte die D-Mark und zu Beginn des Jahres 2002 kommt die europäische Währung, der „EURO“.

Aufklärung
Als Georg zur Welt kam war ich vier, bei Ernst’s Geburt bereits 6 Jahre alt. Da denkt man schon mal über das nach was uns immer erzählt wurde — wie denn der Klapperstorch das anstellt so unbemerkt einfach das Kind bei Mutter abzuliefern —. Diesbezügliche Fragen wurden immer unverständlich oder überhaupt nicht beantwortet.

Die kleinen Geschwister wurden zwar immer freudig begrüßt brachten uns größeren aber nur Nachteile, Mutter hatte nicht mehr die Zeit, sich wie gewohnt um uns zu kümmern, die verschwendete sie für die „Wickelkinder“. So nannte man die Säuglinge, weil sie mittels breiter Stoffbänder zu einem kompakten Paket gewickelt wurden, sie sahen dann aus wie ein Riesen-Kokon. Das Wickeln sollte wohl möglichen Mißwuchs verhindern. Wie viele Monate die Kleinen so eingezwängt waren, vermag ich nicht zu sagen. Strampelhöschen kamen erst bei der nächsten Generation in Mode. Ein Glück für die Kinder! – „Baby“ war uns ein Fremdwort, das hörten wir erst viel später, und kam wohl aus Amerika wie vieles nach dem ersten Weltkrieg.

Fragen wegen des Klapperstorches kamen immer wieder hoch. Vater trauten wir uns nicht zu fragen und auch bei Mutter war der Bereich unterhalb der Gürtellinie tabu. Daß Mädchen anders sind als Buben sah‘ man schon beim „Bächlein machen“. Zu etwas anderem diente ja auch das „Spätzchen“ nicht. Dorfkinder erzählten oft phantastische Sachen, das wurde aber als Schweinerei abgetan. Ich war bereits älter als 10 Jahre, es war Ferienzeit, Walter und ich mußten Kühe hüten. Das war eine Beschäftigung für Kinder das Vieh zu führen, um an Weg- und Grabenrändern frisches Gras und saftige Kräuter abzuweiden. Natürlich trafen wir uns auch mit anderen Kinder. Da wurden so allerlei Themen durchgesprochen. Im Dorfjargon erfuhr ich dann wie denn die Kinder gemacht werden und wie sie auf die Welt kommen. Ich war entsetzt und kann mich noch erinnern, daß ich dagegen laut protestierte mit: „So eine Schweinerei machen meine Eltern nie!“.

Als Walter konfirmiert wurde, ich war damals bereits zwölf Jahre alt, bekam er ein Buch geschenkt, ein Buch das mir vorenthalten werden sollte. Ich war damals gewiß keine Leseratte aber als ich das merkte suchte und fand ich eine Gelegenheit das Buch heimlich zu lesen. Vieles daraus langweilte mich doch dann fand ich einen Abschnitt in dem das werdende menschliche Leben von der Zeugung bis zur Geburt beschrieben war. – Die Dorfkinder hatten das alles ganz anders formuliert – aber im Grunde hatten sie recht.

Religion – Menschen aus anderen Kulturen

Wir mußten jeden Sonntag in die Kirche. von daher wußten wir, daß der lutherische Glaube der einzig Richtige ist. In Schönbach gab es keine Katholiken. Die waren in Nachbardörfern unter sich und man kannte sie schon von weitem, wenigstens die Weibsleute, weil sie eine andere Tracht trugen. Man hörte aber auch nie etwas von Streitereien zwischen evangelischen und katholischen Burschen, auch nicht auf Kirmisen, weil die Mädchen für einen Andersgläubigen schon wegen der Tracht tabu waren.

Vater lehrte uns, wir sollten den Glauben der anderen achten und niemals deswegen mit katholischen Kindern streiten. In Schönbach hätten wir sowieso keine Gelegenheit dazu gehabt, doch als wir auf die „Rektoratsschule“ nach Kirchhain gingen, da waren in der Klasse mehrere Katholiken und sogar ein Jude. Da versuchte man schon mal als überzeugter Lutheraner, einen katholischen Mitschüler von seinem vermeintlichen Irrglauben abzubringen,
— erfolglos.

Dennoch, das Mädchen mit dem ich in späteren Jahren die ersten Küsse ausgetauscht habe, in allen Ehren versteht sich, war katholisch. Ihr Bruder spielte Klavier und wir fanden hin und wieder Gelegenheit zu privaten Tanzveranstaltungen, mal in Anzefahr und mal in Schönbach je nachdem, wessen Eltern gerade nicht zu Hause waren. Damals war ich bereits älter als 20 und Soldat. Wenn da nicht die Versetzungen nach Hofgeismar und später nach München gekommen wären; ich hätte mir vorstellen können, daß Ännchen, so hieß sie, meine Frau geworden wäre.

Vater nahm sogar die Heiden in Schutz, also Menschen die gar keinen Glauben haben, man solle sie als Menschen achten , sie hätten das gleiche Recht zum Leben wie wir. Das galt auch für solche, die eine andere Hautfarbe haben. Gesehen hatten wir solche Menschen noch nie aber wir wußten aus Büchern und aus der Schule, daß die Chinesen gelb waren und es dort mehr Heiden gibt als Christen auf der ganzen Welt. Von Indianern wußte man am meisten durch Winnetu; und in Afrika, wußten wir, da sind die Menschen schwarz und dumm. Man erzählte sich, daß manchmal auch schwarze Menschen in der Menagerie eines Zirkus gezeigt würden.

Nur auf Zigeuner war Vater weniger gut zu sprechen. Die kamen meist mit mehreren Wohnwagen (pferdebespannt) und ließen sich am Dorfrand meist nur für wenige Tage nieder. Sie klauten wie die Raben und wenn welche in der Nähe auftauchten, nahm Mutter rasch die Wäsche von der Leine, und die Türen zur Waschküche und dem Stall wurden von innen verriegelt, ebenso der Holzschuppen mit Vaters Hobelbank und seinem Werkzeug.

Bärenführer

Bärenführer, zogen öfter durchs Land. Die kamen auch aus Balkanländern, der Heimat der Zigeuner. Wenn sie in Schönbach ihre Bären tanzen ließen, war das eine Sensation. Meist waren mehrere Bären in der Gruppe. Wir Kinder zogen mit dem Bärenführer von Hof zu Hof bzw. von Tanzplatz zu Tanzplatz und gewetteiferten, wer sich wohl am weitesten vorwagte.

Nachtrag 2002

Backhaus

Es gäbe noch vieles zu erzählen z.B. über das Backen. Jeder Haushalt im Dorf buk sein Brot im Gemeindebackhaus. Dazu musste man am Vortag zum 5-Uhr-Läuten ins Backhaus kommen wo sich von jeder backwilligen Familie ein Mitglied zur Auslosung der Back-Reihenfolge stellte. Dazu nahm eine Frau so viel eingekerbte Loshölzer in die Schürze als Backwillige erschienen sind. Jeder entnahm der Schürze ein Kerbholz und die Zahl der Kerben bestimmte die Reihenfolge des Backens. Der erste war verpflichtet den Ofen anzuheizen wozu das meiste Holz benötigt wurde. War das Holz ausgebrannt wurde die Backfläche geräumt und mit einem feuchten Strohwisch an langer Stange ausgewischt. Mit einem Brotschieber wurden dann die Brotlaibe eingeschoben und platziert. Nach gewisser Zeit wurde ein Brot herausgezogen, eine Frau nahm eine Haarnadel vom Kopf, stach in das Brot ein um so zu prüfen ob es durchgebacken sei. Die Laibe wurden noch einmal feucht abgewischt und kurz in den Ofen zurück-geschoben, wodurch sie Glanz bekamen. Wenn unsere Familie buk, waren das rund ein dutzend Laibe. Frisch gebacken schmeckte das Brot köstlich. Wurde nach Wochen der letzte Laib angeschnitten, war das Brot hart, und wurde von uns Kindern nicht sehr geschätzt

Hausschlachtung

In der Frühe kam der Metzger, das Schwein wurde mit einem Strick an einem Hinterbein aus dem Stall geführt, der Metzger schlug mit der stumpfen Seite einer Axt dem Tier auf die Stirn und schon war die Sau narkotisiert. Sie wurde jetzt abgestochen, das Blut wurde aufgefangen und musste sofort fleißig gerührt werden, damit es nicht gerann. In einer Holzbütte wurde das Tier mit heißem Wasser übergossen und dann geschrappt, d.h. mit einem glockenförmigen Gerät werden die Borsten abgeschruppt. Mit einem Haken werden die Schuhe ausgezogen und an einem leiterähnlichen Gestell wurde das Tier an den Hinterfüßen aufgehängt. Nachdem der Bauch geöffnet war kam der Trichinenbeschauer entnahm eine Gewebeprobe und gab sein OK für die weitere Verarbeitung. Nun wurde zerteilt in Speckseiten, Schinken Kochfleisch für die Leber- und Blutwürste, das Fleisch für die Rotwürste musste roh im Fleischwolf zerkleinert werden. Zum Frühstück gab es dann schon mal Kesselfleisch, recht fett und öfter haben wir Kinder uns dabei den Magen gründlich verdorben. Die Familie war den ganzen Tag beschäftigt denn es gab viel zu tun bis dann abends die Wurstsuppe auf den Tisch kam. Dann folgte ein richtiges Festessen mit Kesselfleisch, Bratwürsten, Kartoffeln, Salat und Gemüse. Wurstsuppe wurde am nächsten Tag noch in die Nachbarschaft verteilt von wo sie bei deren Schlachtfest wieder zurück kam.

Spinnstube

Das Spinnen von Wolle oder Flachs ist meiner Meinung eine recht eintönige Beschäftigung, deshalb trafen sich Frauen aus der Nachbarschaft abends abwechselnd in ihren Häusern. Da wurden Geschichten erzählt, gesungen und oft, wie auch noch heute üblich, über „schlechte Menschen“ gelästert.

Dreschmaschine

Im Spätsommer, wenn die Feldarbeit zu Ende war, kam die Dreschmaschine ins Dorf. Der Unternehmer kam aus Großseelheim und bediente erst die Bauern, dann kamen auch die Nebenerwerbslandwirte, sofern sie über eine Tenne verfügten dran. Da wurde zunächst die Dreschmaschine in die Tenne gefahren, sie füllte den Raum weitgehend aus. Nun kam die Dampfmaschine, das Antriebsorgan. Es mutete abenteuerliche an, wenn das Ungetüm von sechs Pferden gezogen die Riere hinauf fuhr und es erforderte viel Kleinarbeit mit Winden, Brecheisen und dicken Brettern als Unterlagen, das Monster auf dem unebenen Pflaster in die rechte Stellung zu bugsieren. Jetzt wurde der riesige Treibriemen aufgelegt vom Schwungrad der Dampfmaschine zur Dreschmaschine. Wenn dann der Kessel angeheizt war, der Dampfdruck über den Kolben das Schwungrad in Bewegung setzte und dann die Dreschmaschine ihr typisches Brummen vernehmen ließ das hat uns ganz in den Bann gezogen. Später dann, als das Dorf elektrifiziert war, kam statt der Dampfmaschine ein verhältnismäßig kleiner Wagen mit einem Elektromotor. Aus war’s mit der Faszination. Schon sehr früh hatte ich das Prinzip der Dampfmaschine begriffen später auch die des Benzinmotors und anderer mechanischer Maschinen, doch wenn ich heute meinen Computer betrachte begreife ich nichts von dessen Funktion, da bewegt sich ja nichts.

Schlusswort

Das Ortsbild hat sich seitdem sehr verändert Wenn man heute durchs Dorf geht fallen einem die schmucken Häuser auf, kein Misthaufen stört das Bild und kein Jauchegeruch beleidigt die Nase. Die Straßen sind asphaltiert und kein Huhn läuft einem vor das Auto. Leider sind seit dem letzten Krieg auch die Trachten weitgehend verschwunden. Heute werden sie nur noch von wenigen alten Frauen oder in Heimatvereinen zu festlichen Anlässen getragen. Auch der Dialekt hat sich stark verändert und geht mehr und mehr in das Hochdeutsch über.

Der Lebensmittelbedarf wird jetzt hier, wie auch in den Städten, im Laden eingekauft. Milch, Käse, Brot, Fleisch und so weiter kommen meist über Handelsketten aus anonymer Erzeugung von wer weiß wo her. Das hat zwar Preisvorteile aber auch seine Schattenseiten, wie die immer wiederkehrenden Lebensmittelskandale beweisen.

Nun, wir werden damit leben müssen.

Tschüs Euer Willi

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